1. Gründung und Anfänge
- Gründer: Giuseppe Gellera (der Firmenname wurde später in Gilera geändert).
- Gründungsjahr: 1909 in Arcore (nahe Mailand), Italien.
- Erstes Modell: Die "VT 317", ein Einzylinder mit 317 cm³.
- Entwicklung: Gilera entwickelte sich schnell zu einem High-Tech-Unternehmen. In den 1930er Jahren revolutionierte Gilera den Rennsport mit der Rondine, dem ersten Vierzylinder-Rennmotorrad mit Kompressor.
2. Die goldene Ära und Weltmarktführerschaft
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Gilera zur dominierenden Kraft im Straßenrennsport.
- Erfolge: Zwischen 1950 und 1957 gewann Gilera sechs Weltmeistertitel in der 500-cm³-Klasse (u.a. mit Geoff Duke).
- Technik: Gilera war bekannt für extrem robuste Viertaktmotoren. In den 1950ern war das Werk in Arcore eines der modernsten und größten in ganz Europa.
3. Schwerpunkt: Offroad (Regolarità)
Gilera war nicht nur auf Asphalt erfolgreich. In Italien ist die Marke eine Legende des "Geländesports" (heute Enduro).
- Die Arcore-Ära (1960er/70er): Gilera baute sehr erfolgreiche Viertakt-Geländemaschinen, die sogenannten "Regolarità"-Modelle. Die Gilera 124 5V Arcore war ein Verkaufsschlager.
- Der Zweitakt-Boom (1980er): Mit dem Aufkommen der modernen Enduros entwickelte Gilera spektakuläre Maschinen:
- Gilera RX / RC Serie: Die RC 125 und RC 250 gehörten in den 80ern zu den besten europäischen Enduros.
- Gilera Dakota / RC 600: Gilera baute einen der modernsten wassergekühlten Viertakt-Einzylinder mit Vierventiltechnik und zwei obenliegenden Nockenwellen (DOHC).
- Rallye Dakar: In den späten 80ern und frühen 90ern feierte Gilera große Erfolge bei der Wüstenrallye Paris-Dakar. Die Gilera RC 600 gewann 1990 und 1991 ihre Klasse.
4. Die Rolle von Jan Witteveen
Jan Witteveen, ein genialer niederländischer Ingenieur, kam im Januar 1978 zu Gilera (unter der Ägide von Piaggio). Zuvor hatte er sich bereits bei Sachs (Hercules) einen Namen gemacht, wo er maßgeblich an der Entwicklung der Wettbewerbsmotoren beteiligt war. Piaggio wollte Gilera wieder als ernsthafte Marke im internationalen Geländesport (Motocross und Enduro) etablieren. Witteveen wurde geholt, um die veralteten Konstruktionen zu modernisieren.
- Schwerpunkt: Er revolutionierte die Zweitakt-Technik bei Gilera. Unter seiner Leitung entstanden die hocheffizienten 125er und 250er wassergekühlten Motoren.
- Erfolge: Er war der Vater der Gilera-Modelle, die in der Motocross-Weltmeisterschaft (250er Klasse) Ende der 70er und Anfang der 80er Jahre wieder ganz vorne mitspielten.
- Sein Weg führte ihn später zu Cagiva und schließlich zu Aprilia, wo er zur absoluten Legende wurde. Er war der Kopf hinter den Aprilia-Rennmaschinen, die in den 90er und 2000er Jahren die 125er und 250er Straßen-Weltmeisterschaften (MotoGP-Vorläufer) mit Fahrern wie Max Biaggi und Valentino Rossi dominierten.
4. Beteiligungen und Übernahmen
- Die Piaggio-Übernahme (1969): Nach dem Tod des Sohnes von Giuseppe Gilera geriet das Unternehmen in eine Krise. Piaggio übernahm 1969 das Werk in Arcore. Gilera wurde fortan zur Premium- und Sportmarke des Konzerns.
- Schließung von Arcore (1993): Im Zuge einer Konzernumstrukturierung wurde das historische Werk in Arcore geschlossen. Die Produktion von Gilera wurde nach Pontedera (Stammsitz von Piaggio) verlegt.
- Positionierung heute: Gilera konzentriert sich heute innerhalb der Piaggio-Gruppe hauptsächlich auf sportliche Roller (z.B. der GP 800 oder Runner), während die Motorradproduktion unter dem Namen Gilera derzeit ruht.
5. Kooperationen und Motoren-Export
Gilera war weniger als reiner Motorenlieferant (wie Sachs oder Minarelli) tätig, sondern verbaute seine Motoren meist exklusiv in eigenen Fahrzeugen. Es gab jedoch Ausnahmen:
- Elmeca: Ein kleiner italienischer Kleinserienhersteller, der in den 70ern Gilera-Motoren für Wettbewerbsmaschinen nutzte.
- Puch: In der Phase der späten 80er Jahre gab es innerhalb des Piaggio-Universums (zu dem Puch zeitweise gehörte) einen Austausch von Technikkomponenten.





